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Microlending: Auch eine Frage der Definition

Von Dr. Jan Evers und Marco Habschick, EVERS & JUNG, Hamburg
www.eversjung.de

Auch in Deutschland wird Microlending (ML) immer bekannter. Dennoch scheint so etwas wie eine babylonische Sprachverwirrung zu herrschen, denn jeder versteht darunter etwas Anderes. So kommt es, dass ein Förderprogramm mit Kreditsummen bis zu 150 TEUR in einem Atemzug genannt wird mit einer Initiative, die nur ein paar tausend Euro pro Kredit vergibt.

Zwar ist auch international die Definitionsphase beim ML noch nicht abgeschlossen, zumal auch die Instrumente nicht immer trennscharf sind. Auf EU-Ebene wird darüber gerungen, ob das ML der Sozialpolitik zuzuordnen ist oder dem Banking. Schon allein deshalb täte die ML-Community gut daran, sich auf eine gemeinsame Sprachregelung zu verständigen. Klare Abgrenzungen sind aber vor allem deshalb notwendig, weil der Erfolg von Kleinkreditprogrammen von ihrer zielgenauen Ausgestaltung abhängt.

Wichtig ist zunächst fest zu halten, dass Microlending in der von erfolgreichen Initiativen verwendeten Definition stets auf gewinnorientierte Unternehmen mit Finanzierungsproblemen zielt. Dazu wurden neue Produktkonzepte und stark prozessorientierte Methoden hervorgebracht, die intensiv die Steuerung des Kleinbetriebs flankieren. Dies senkt die Risikokosten des Gläubigers und steigert gleichzeitig den Unternehmenserfolg der Kreditnehmer. Microlending kann mit Subventionen (z.B. für Beratung/Coaching) kombiniert werden, wenn es zur Förderung schwieriger Zielgruppen (z.B. Gründer aus Arbeitslosigkeit) eingesetzt werden soll, muss es theoretisch aber nicht.

Trotz dieser definitorischen Gemeinsamkeit hat sich jedoch heraus gestellt, dass man zumindest vier Typen von Kleinstkrediten unterscheiden muss:

  1. ML für Gründer und Neue Selbständigkeit
    Diese Programme haben international die stärkste soziale Ausrichtung, da sie sich an Arbeitslose, Minderheitengruppen oder die "Ärmsten der Armen" richten. Die Kreditsummen bleiben meist unter 10 TEUR, die Zielgruppe hat hohen Bedarf an Training/Coaching und die traditionellen Banken sind an dem Segment höchstens im Rahmen von Social Sponsoring interessiert.
  2. ML für bestehende Kleinstunternehmen nach der Gründung
    Hier finden sich meist Stufenkreditinstrumente für Betriebsmittel zwischen 5 und 25 TEUR. Auch hier besteht hoher Coaching-Bedarf, es gibt jedoch eine Interessenschnittmenge zum Banksektor, da dieser auf diese Weise die schwierige Zielgruppe outsourcen kann.
  3. ML als Festigungsfinanzierung
    Zielgruppen sind hier Kleinbetriebe kurz vor der Schwelle zur "bankability" (Betriebsmittel oder Investitionen, 20-50 TEUR, geringerer Unterstützungsbedarf).
  4. Traditioneller Kleinkredit
    Für Banken bei richtiger Ausgestaltung selbst kostendeckend abwickelbar. Finanzierungen oberhalb etwa 50 TEUR für Kleinunternehmen ohne oder mit geringem Bedarf an sonstiger Unterstützung. International besteht dieses Segment häufig aus ehemaligen Kreditnehmern von ML-Initiativen.

Microlending lässt sich zusammen fassend als eine den Unternehmensverlauf strukturierende und stabilisierende Finanzierung beschreiben bzw. als Methode zur Strukturierung und Unterstützung von Kleinunternehmen mit einem Kredit als zentraler Kommunikationsgrundlage. Je nach angestrebter Zielgruppe steht es der Wirtschafts- oder der Arbeitsmarktpolitik näher.

In Deutschland dominiert letzteres bisher. Typisch sind Initiativen, die aus mit arbeitsmarktpolitischen Zielsetzungen versehenen Gründungszentren hervorgehen oder daran angehängt sind und sich selbst gar nicht primär als Microlender sondern als Gründungsproblemlöser verstehen.

Auf europäischer Ebene führt diese eher arbeitsmarktpolitische Verortung leider zu Verwerfungen. So dominiert - wie eingangs erwähnt - in der Generaldirektion Unternehmenspolitik zur Zeit die Ansicht, dass es zwei Arten von Microlending gibt: eines, das sich an "bankable clients" richtet und von Banken ausgeführt wird bzw. werden sollte und eines, das sich an "excluded" und Arbeitslose richtet und folglich nicht in den Förderschwerpunkt Unternehmenspolitik gehört. Letzteres wird bei der EU zunehmend "social credit" genannt.

Wir halten diese Trennung für problematisch: Zum einen werden Non-bank-Microlender in ihrem Ziel behindert, für Kleinstunternehmen eine Brücke in den Banksektor zu bauen, was so etwas wie einen zweiten Kreditmarkt schafft - möglicherweise mit den negativen Folgen, die uns vom zweiten Arbeitsmarkt bekannt sind. Zum anderen wird damit gerade die kraftvolle Vision des Microlending missverstanden, dass nämlich die Wahl der Zielgruppe sozial geprägt sein kann, nicht aber der Kreditprozess, wie es Martin Hockley, vormals Geschäftsführer der ICOF und heute von Street UK klar ausdrückte: "Our social orientation is reflected by the choice of our clients. Once they become a borrower, we treat them as business like as any bank would do."

In einer präzise geführten Diskussion um das ML liegt der Schlüssel für seinen Erfolg auf nationaler und europäischer Ebene. Es wird Zeit dafür.

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