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Microlending und Mikro-Darlehen:
Zwei verschiedene Paar Schuhe - und keines paßt den Hausbanken
von Dr. Alexander Kritikos
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät
Europa-Universität Viadrina
Postfach 1786
15207 Frankfurt (Oder)
Kreditverträge zählen zu der Sorte von Verträgen, die einen "besonderen Saft" in sich bergen. Ein Kreditgeber stellt einem Kreditnehmer Finanzmittel zur Verfügung und soll diesem glauben, daß die Mittel in dem zwischen den beiden Parteien vereinbarten Zeitraum zurückgezahlt werden. Ein solcher Vertrag fällt dem Kreditgeber um so leichter, je sicherer er ist, daß der Kreditnehmer zurückzahlen wird (etwa wenn der Kreditnehmer z.B. eine Immobilie als Sicherheit hinterlegt) und je mehr der Kreditgeber an diesem Vertrag netto in absoluten Beträgen verdient.
Um es auf den Punkt zu bringen: Eine Marge der KfW von 1,2 % für einen Immobilienkredit über eine Millionen Euro würde jede Hausbank interessieren, vor allem wenn sie die Immobilie als unbelastete Sicherheit für ein entsprechendes Hypothekendarlehen erhält. Die Bank würde mit diesem Geschäft jährlich 12.000 Euro verdienen, hätte kaum Arbeit und ein überschaubares Risiko. Die wenige Arbeit, die vor Abschluß des Vertrags anfällt, kann sie mit der üblichen "dokumentenbasierten Analyse" in kurzer Zeit durchführen
Ein Investitionskredit über 20.000 Euro - nach Möglichkeit aufgesplittet in drei Tranchen - mit einem Gründer, der keine Sicherheit hinterlegt und sein Geschäft kaum kennt, interessiert keine Hausbank. Sie hat bei einer Zinsmarge von 1,2% und wenn alles gut geht jährlich Einnahmen 240 Euro. Die Vergangenheit hat jedoch wiederholt gezeigt, daß eine "dokumentenbasierte Analyse" (für die sie ca. 1000 Euro kalkulieren) nicht das richtige Instrument ist, um den Erfolg eines Gründers richtig zu bewerten. Häufig berichten Banken in diesem Segment von problematischen Krediten in bis zu 50% der Fälle, was für die Bank wenn nicht Totalausfälle so doch weitere Kosten nach sich zieht. Das Geschäft mit Gründern ist unattraktiv.
Das Geschäft mit dem Gründer bleibt unattraktiv, wenn die Hausbank das von der Mittelstandsbank aufgelegte Mikrodarlehen nutzt. Der Hausbank fließen dann zu den jährlichen Zinseinnahmen von 240 Euro eine einmalige Bearbeitungsgebühr von 600 Euro zu und sie steht - in Form einer Haftungsfreistellung - nur noch mit 20% im Risiko. Die Erträge decken dann annähernd die Kosten, wenn keine Pleiten eintreten, die zu Tilgungsausfällen und höheren Bearbeitungskosten führen.
Genau hier liegt das Problem: mit der von den Hausbanken verwendeten "dokumentenbasierten Analyse" ist es nicht hinreichend möglich, herauszufinden, welche Gründer oder Betreiber von Kleinbetrieben ein gutes Ausfallrisiko darstellen und welche nicht. Eine 20%ige Risikobeteiligung ist bei der gegebenen Zinsmarge dann auch noch zu hoch, außer die Banken lassen sich vom Eigentümer des Kleinbetriebs eine den gesamten Kredit abdeckende Sicherheit übergeben.
Mit anderen Worten: aufgrund der gegebenen Analysemethode der Banken und den geringen Zinsmargen existiert kein Kreditmarkt für Kleinbetriebe mit einem Bedarf unter 50.00 Euro, vor allem nicht für Gründer von Kleinbetrieben ohne herkömmliche Sicherheiten. Und er wird auch nicht durch das Förderprodukt der Mittelstandsbank entstehen.
Ein kurzer Blick in die aktuellen Zahlen bestätigt diese Aussage. Jährlich werden ca. 500.000 - 600.000 Betriebe mit einem Kreditbedarf in Höhe des Mikro-Darlehens gegründet, von denen vorsichtig geschätzt 200.000 überlebensfähig und damit kreditwürdig sind. Ebenso vorsichtig geschätzt existieren weitere 300.000 kreditwürdige Betriebe, die nicht älter sind als drei Jahre (das ist die Zugangsvoraussetzung für das Mikrodarlehen). Von den insgesamt 500.000 kreditwürdigen Kleinbetrieben verfügt die überwiegende Mehrzahl der Kleinunternehmer über kein ausreichendes Eigenkapital, benötigen also Kredite. Gleichzeitig spricht die Mittelstandsbank von 600 Zusagen in drei Monaten, was auf ein Jahr hoch gerechnet zu 2.400 Krediten führt - eine Quote von unter 1%! Und es bleibt ungeklärt wie viele von diesen Krediten gegen eine vollständige Sicherheit ausgegeben wurden und wie viele Kredite zurückgezahlt werden. Es wäre jedenfalls vermessen, bei dieser Quote von einem funktionierenden Markt zu sprechen.
Es läßt sich jedoch auch für diese "schwierige" Zielgruppe der Kleingründungen mit Hilfe des "Microlending" ein Markt entwickeln. Der Schlüssel für ein wirkungsvolles Microlending liegt darin, daß man drei Komponenten - Kreditprodukt, Kreditvergabemethode und Vertrieb - so kombiniert, daß erstens vornehmlich potentiell erfolgreiche Betriebe (also "gute Ausfallrisiken") finanziert werden, und zwar so, daß zweitens die Wahrscheinlichkeit für einen Erfolg steigt, und daß drittens bei einem Mißerfolg die Rückführung der erhaltenen Mittel möglich bleibt.
Was bedarf es, um diese drei Ziele zu erreichen? Informationen über die zu finanzierenden Kreditnehmer und prozeßorientierte Kreditvolumina, die sowohl dem aktuellen Bedarf als auch der Rückzahlungsfähigkeit eines Kleinunternehmers angepaßt sind. Erstes zentrales Element ist die Gewinnung von Informationen, wenn der Kleinunternehmer keine Sicherheiten stellen kann. Im Gegensatz zu der von den Banken verwendeten dokumentenbasierten Analyse wird hier eine Methode verwendet, die man mit "typenbasierter Analyse" umschreiben kann, die kostengünstig Informationen über die zu finanzierende Person und die Marktdurchlässigkeit der zu vertreibenden Produkte generiert.
Zweites zentrales Element ist die Entwicklung von Ersatzsicherheiten und zusätzlichen Anreizen zur Rückzahlung der Kredite, von denen zwei unter vielen Elementen steplending (zu deutsch "dynamische Anreize") und "Peer group lending" sind. Wichtig ist dabei vor allem, daß diese Elemente keine "Kann-Instrumente" sind, mit denen etwa "ein Kreditrahmen stufenweise bis zur Höchstgrenze ausgeschöpft werden kann" (wie die Mittelstandsbank dies ansieht, siehe Interview mit Dr. Struck von der DtA). Es sind vielmehr Muß-Instrumente, mit denen erstens das gewährte Kreditvolumen auf das notwendige Minimum heruntergeschraubt wird, um das Ausfallrisiko zu reduzieren, und mit denen zweitens dem Kreditnehmer ein zusätzlicher Anreiz zur Rückführung seines Kredits gegeben wird, weil er die nächste Tranche nur erhält, wenn die vorherige Tranche teilweise oder vollständig - je nach vereinbartem Plan - getilgt wurde.
Das führt zum Kernpunkt: Das Mikro-Darlehen stellt ansatzweise Microlending dar. Ein wirkungsvolles Microlending ist aber derzeit mit den Hausbanken nicht umzusetzen. Microlending erfordert eine neue "typenbasierte" Analysemethode[Anm. 1], für die Banken keine ausgebildeten Mitarbeiter haben. Da dieses Geschäft augenblicklich nicht lukrativ ist, werden die Banken sich auch nicht offensiv auf das Mikrodarlehen einstellen. Angesichts des Konstrukts des Mikro-Darlehens haben sie darüber hinaus keinen Anreiz, Kredite in mehreren Tranchen auszureichen. Im Gegenteil: Um ihre Kosten niedrig zu halten, ist damit zu rechnen, daß sie die Kredite nur durch einmalige Auszahlungen an solche Kreditnehmer ausreichen, die durch die Hinterlegung herkömmlicher Sicherheiten das Ausfallrisiko ausreichend niedrig halten. Kredite an Gründer ohne Sicherheiten bleiben Ausnahmen.
Plastisch gesagt bedeutet das: Vergleicht man Microlending mit einem Drei-Komponentenkleber, dann hat sich die Mittelstandsbank mit dem Mikrodarlehen eine Komponente aus den drei Komponenten für ein wirkungsvolles Microlending herausgenommen, ohne die anderen Komponenten (Kreditvergabemethode und Vertrieb) zu beachten. Indem sie ihr Produkt über die Hausbanken vertreibt und die Hausbanken die herkömmlichen Kreditvergabemethoden verwenden, ist es (um im Bild zu bleiben) als ob die eine Komponente dieses Klebers mit Pattex vermischt wird[Anm. 2]. Das Ergebnis ist suboptimal. Nur eine geringe Zahl von Kleinstbetrieben werden Zugang zu diesem Kreditprodukt erhalten - nämlich, diejenigen die nach der herkömmlichen Analysemethode kreditwürdig erscheinen, obwohl eine viel höhere Zahl kreditwürdig wäre, würde die neue Analysemethode verwendet.
Bleibt zu vermerken, daß es erste Gründerinitiativen in Deutschland gibt, die sich die neue typenbasierte Analysemethode zu Eigen gemacht haben und erfolgreich Mikrokredite vergeben - auch an Gründer ohne herkömmliche Sicherheiten. Diese Initiativen liefern damit die notwendigen Komponenten, um das Mikrodarlehen in ein wirkungsvolles Microlending zu transformieren. Es ist daher zu bedauern, daß eine Kooperation mit diesen Initiativen unter dem Vorwand, einer Anforderung des Europäischen Investitionsfonds (EIF) an das Mikrodarlehen sei nicht Genüge getan, nicht mehr weiter aktiv weiter betrieben werden soll. Im Wege eines Modellprojekts ließen sich sicherlich Lösungen in Richtung EIF finden, zumal erstmalig eine Geschäftsbank bereit ist, den Weg neuer Analysemethoden gemeinsam mit den Gründerinitiativen mitzugehen, um so Gründer zu finanzieren, die bei herkömmlichen Geschäftsbanken auch zum Mikrodarlehen der Mittelstandsbank keinen Zugang erhalten.
- Definition Steplending (dynamische Anreize): bezeichnet ein Instrument, mit dem Anreize zur Rückzahlung eines Kredits erzeugt werden. Um Kreditvolumina und Tilgungsabläufe zeitlich zu optimieren, wird von einem Sachbearbeiter der kreditvergebenden Institution eine Cash-Flow Analyse durchgeführt, aus der das benötigte Kreditvolumen und die bestmögliche Tilgungsstruktur resultiert. (Businesspläne spielen bei dieser Analyse eine untergeordnete Rolle!) Danach wird dem Gründer oder Kleinunternehmer nur das aktuell (etwa im ersten Jahr) benötigte Fremdkapital zur Verfügung gestellt. Das zukünftig erforderliche Fremdkapital zur Weiterführung des Betriebs wird dem Kreditnehmer nur dann ausgehändigt, wenn der vorherige Kredit entsprechend dem vereinbarten Tilgungsplan zurückgezahlt wurde. Neben dem dadurch erzeugten Anreiz zur Rückzahlung des Kredits führt die Begrenzung des Kreditvolumens für Kreditnehmer und -geber zu einer Risikoreduktion, denn kleine Kredite sind auch bei einem Mißerfolg der Unternehmung tilgbar.
- Definition "Peergroup-Lending" (Kreditvergabe mit beschränkter Gruppenhaftung): bezeichnet ein Instrument, mit dessen Hilfe ein Sicherheitssubstitut kreiert werden soll, wenn die zu finanzierenden Gründer über keine herkömmlichen Sicherheiten verfügen. Danach schließen sich mehrere Gründer zu einer Kreditgruppe zusammen. Jeder Gründer erhält einen individuell auf ihn zugeschnittenen Kredit (für die Dimensionierung des Kredits siehe wiederum unter 1. "Dynamische Anreize"). Jedoch haftet die gesamte Gruppe der Kreditnehmer (in den USA z.B. begrenzt auf 10% der insgesamt an die Gruppe ausgereichten Kreditsumme) gegenseitig für die Kredite, bis alle Kredite der Gruppe getilgt sind. Das Sicherheitssubstitut wird dadurch erzeugt, daß es nur für Kreditnehmer mit gutem Ausfallrisiko lohnt, sich zu einer solchen Gruppe zusammenzuschließen. Die kreditvergebende Institution erhält die Information, daß diejenigen Kreditnehmer, denen es gelingt, sich zu Gruppen zusammenzuschließen, mit hoher Wahrscheinlichkeit die Kredite zurückzahlen werden. Gruppenkredite sind nur bis zu einem bestimmten Höchstbetrag (in Deutschland etwa max. 10.000 Euro) sinnvoll, da sonst das gegenseitig zu tragende Risiko zu hoch wird.
Anmerkung 1: Laut Aussage des erfolgreichsten polnischen Microlenders "Fundusz Mikro" mit 20.000 Kreditnehmern stellen diese nur solche Personen als Kreditsachbearbeiter ein, die keine herkömmliche Bankausbildung haben und daher Kredite von vornherein nicht nach der üblichen dokumentenbasierten Analysemethode beurteilen.[zurück]
Anmerkung 2: In diesem Zusammenhang sei auch hervorgehoben, daß der Weg eines schlanken Verfahrens ("Das Formular besteht nur aus einer Seite") in diesem Sinne kein geeigneter Weg ist. Natürlich sollte das Verfahren der Kreditvergabe schlank sein, viel wichtiger aber ist, daß mit Hilfe der neuen Analysemethoden in erster Linie geeignete Gründer ausgewählt werden. Man benötigt also schlanke neue Analysemethoden - und nicht in Zusammenarbeit mit den Geschäftsbanken schlanke herkömmliche Analysemethode, die eine Auswahl geeigneter Gründer eher noch unwahrscheinlicher werden läßt.[zurück]
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