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Von Mikro-Mäusen bis Mikro-Elefanten
Divergierende Vorstellungen hinter der Definition des Microlendings

Von Christophe Guene, SOFI (Brüssel) [Anm. 1]

Die aus der dritten Welt übernommene Definition des Microlendings, oder von Mikrokrediten, ist, dass es sich dabei um "Kleinstkredite für arme Leute ohne Garantien" handelt, "zur Finanzierung Einkommens-fördernder Aktivitäten" [Anm. 2]. Im gängigen Sprachgebrauch, besonders in Europa, wird dies auch ausgedrückt als "Kleinstkredite (Mikrokredite) für die Armen, die keine Garantien vorweisen können oder die von den Banken abgewiesen werden und die ein Kleinstunternehmen (Mikro-Unternehmen) starten wollen".

Dies scheint eindeutig zu sein. Jedoch zeigt sich sowohl in der Praxis, wie auch bei genaueren Gesprächen, dass die (meist impliziten) Vorstellungen konkret weit auseinander liegen können. Die Eingangs erwähnte Definition enthält in der tat nicht minder als sieben Konzepte, die bisher Kontroversen aufgeworfen haben. Hier nur zu einigen der gängigen, oder nötigen, Debatten....

1. Klein-...

Erste Klarheit über den Vorstellungs-Spagat beginnt bei der einfachen Frage, wie groß man sich eigentlich einen solchen Mikrokredit überhaupt vorstellen soll. Die in Europa üblichen Antworten - von Mikrokredit-Praktikern, Bankern, Beamten... - reichen von 150.000 € bis runter auf 500 €, ja sogar 100 € [Anm. 3]. Die verschieden genannten Größenordnungen in dieser Spannweite haben jeweils ihren Sinn, definieren sie doch Grenzen auf die man in verschiedenen Kreditsegmenten der Banken und Bedürfnisbereichen von Kleinstunternehmen tatsächlich stößt. Da die in Europa gültigen Definitionen eines Mikro-Unternehmens alle Unternehmen beinhaltet, die bis zu zehn Arbeiter haben, entspricht diese breite Palette tatsächlich der Realität.

Eine Konstante ist jedoch die Resistenz in der Vorstellungskraft, und mehr noch in der Akzeptanz, wie weit nach unten man sich einen solchen Kleinstkredit denken darf. "Wir sind hier doch nicht in der dritten Welt", heißt es dann oft, was natürlich stimmt, zumindest zum Teil. Die Größenordnungen müssen den respektiven Preis- und Einkommenskontexten angepasst werden. Wenn man aber selbst in der dritten Welt systematisch zu hören kriegt, "man sei hier doch nicht in Bangladesh", muss klar werden, dass man nach unten hin auf eine psychologische oder kulturelle Grenze stößt. Bei den einen kitzelt dies der Nationalstolz, bei anderen wahrscheinlich die Ehre ihres Wohlfahrtssystems. Es liegt aber auch ganz klar an einem Mangel an Kenntnis der Bedürfnisse bei den problematischeren Sozialgruppen, aber auch und besonders am mangelnden Verständnis des Funktionierens von Microlending, nämlich ein in kleinste Stücke zerteilter Normalkredit, der etappenweise vergeben wird.

Etwas sachlicher in der Argumentation gegen Kleinstkredite ist die Frage oder Behauptung dass es doch nicht möglich sei mit solchen Kleinstkrediten überhaupt ein Unternehmen zu gründen - sind dies denn überhaupt Unternehmen? Kann man überhaupt wirtschaftlich sein auf solch tiefem Niveau? Wie wir es weiter unten sehen werden, beruht diese Sicht auf ein reduziertes Verständnis dessen was ein Unternehmen ist und wie klein es überhaupt anfangen kann - und überhaupt - wie die meisten Betriebe ohnehin anfangen.

Tatsache ist, dass Kleinstkredite sowohl gefragt sind sobald man sie anbietet (denn das Angebot stellt die Nachfrage her, wie so oft), dass sie tatsächlich Kleinstunternehmern dienen und dass sie auch am besten funktionieren (d.h. zurückgezahlt werden) umso kleiner sie angeboten werden. Eine Studie der INAISE [Anm. 4] aus 1997 über 50 europäische Finanzstrukturen der "Sozialökonomie", darunter auch etliche Mikrokredit Strukturen, zeigte dass sich diese Strukturen im Kreditsegment zwischen 2000€ und 6100€ bewegen, mit einem Durchschnittskredit von etwa 4000€. Es handelte sich da nicht um einzelne Ausnahmen, sondern um eine etablierte Gruppe von Finanzprogrammen. Würde man diese Studie heute noch einmal wiederholen, mit den neuesten Microlending Strukturen, ist es mehr als wahrscheinlich, dass sich der Durchschnitt der Kredite dieser Gruppe heute noch tiefer ansiedeln würden, mit einer noch besseren Rückzahlungsquote.

2. Kredite...

Im gängigen Sprachgebrauch ist es so, dass wir Kredite "vergeben". Diese Formulierung scheint durch verschiedene öffentliche Programme wortwörtlich genommen worden zu sein, da sie unter "Microcredit-Programmen" oft verstehen, "kleinere" Summen an Lokalunternehmer als Zuschuß zu vergeben. Tatsächlich handelt es sich dabei oft um Mikro-Subventionen, die aber als "Kredite" gehandelt werden, z.B. in Programmen wie "lokales soziales Kapital", das man in den Strukturprogrammen gerne weiter verbreitet sehen würde. Es ist durchaus kein kleiner Verdienst, dass die EU, die traditionell eher für größere Projekte einsteht, es nun fertig bringt solche kleine Summen zu verteilen [Anm. 5]. Auch hat dieses Programm in einem Fall, bei ADIE in Frankreich, auch interessanterweise dazu gedient, die Begleitkosten von Mikrokrediten zu decken. Jedoch sorgen diese Programme für große Schwierigkeiten, insbesondere dann, wenn sie mit anderen (richtigen) Kreditprogrammen co-existieren, und ohne Koordination in die Welt gesetzt wurden.

Eine eher größere Debatte um das Thema Kredite kommt uns jedoch aus der dritten Welt, wo sich zwei große Fronten aufgemacht haben, zwischen denjenigen, die meinen, dass Armut am besten mit Kredit-Programmen bekämpft wird und dabei dem Exempel der Grameen Bank genauestens folgend. Dagegen hat sich die genossenschaftliche Tradition erhoben, um zu unterstreichen, dass das Sparen nicht minder wichtig ist, ja vielleicht sogar noch wichtiger - und dabei auf das Beispiel der Raiffeisenbewegung zeigen. Letztere sprechen daher eher von Micro-Finance um die Micro-Praxis anderen Finanzformen zu öffnen. Dieses Konzept scheint sich langsam durchzusetzen, auch bei Grameen Anhängern, auch wenn letztere eher der Ansicht sind, dass die ärmsten Schichten der Bevölkerung nicht unbedingt für ihre ersten Kredite etwas vorsparen können. Inzwischen machen sich noch andere Finanz-Praktiken breit, besonders im Bereich der Versicherungen, die diese Öffnung des Konzepts noch zusätzlich unterstreichen.

Auch in Europa ist es eher das Konzept der Finanz, das sich wahrscheinlich durchsetzen wird, auch wenn alles anfangs nur von Krediten sprach. Das neue europäische Netzwerk, EMN, ist bezeichnender Weise am Tag seiner Gründung auch auf dieses Konzept umgesprungen und heißt somit "European Micro-Finance Network". Man teilte dabei die Ansicht, dass man auch in Europa, wo Kredite nur ein Teil des Hilfepakets darstellt, dieses weitere Konzept pertinenter wäre. Denn meistens sind in diesem Paket auch noch einiges an Begleitmaßnahmen drin, die mehr kosten können als der Kredit an sich. Auch breiten sich neuerdings andere Formen der Finanzierung aus, wie z.B. das Leasing.

3. für arme ...

Kann man mit der Mikro-Finanz wirklich "Arme", ja sogar die "Ärmsten der Ärmsten" bedienen? Erreicht man sie tatsachlich mit solchen Praktiken? Hilft es ihnen tatsächlich weiter, sich aus der Armut heraus zu entwickeln? Die Debatte, bei der es hauptsächlich um die dritte Welt geht, ist heiß und wird oft mit Mühe auf sachlichem Niveau geführt. Im Zusammenhang mit der (west-)europäische Praxis hört man diese Debatte jedoch kaum. Die Gründe dafür können verschieden sein. Einerseits könnte man sich dabei sehr schnell in andere Debatten verwickeln, wie die über die Überverschuldung gewisser Haushalte mit ähnlichen Kleinstkrediten (so genannte "Verbraucherkredite"). Auch kann man schnell als Zersetzer des Wohlfahrtsystems gebrandmarkt werden, weil es doch eher darum gehe, das Wohlfahrtssystem zu verbessern, zu erweitern. Deshalb wird Microlending in Europa oft eher als Hilfe zur Unternehmensgründung gesehen, als "Kleinstkredite für Existenzgründer", womit man diesen Debatten meistens aus dem Weg geht.

Es wäre jedoch nützlich, mehr ins Detail zu schauen. So musste z.B. Maria Nowak, Gründerin von ADIE, zum Anfang ihrer Mikrokredit Praxis in Frankreich feststellen, dass man in unseren nationalen Sozialsystemen bisher weder gedacht, noch weniger daran geglaubt hatte, dass man aus der Arbeitslosigkeit heraus, geschweige denn aus der Langzeitarbeitslosigkeit oder der Sozialhilfe, Unternehmen gründen könnte. Die rechtlichen und amtlichen Hürden sind in der Tat in den meisten EU-Ländern so hoch, dass die Idee, eine Kleinstunternehmung zu gründen, einfach nur dumm, oder ein Akt von Desperados sein kann.

4. Leute ...

Muss Microlending nur dazu dienen Individuen zu helfen, ihren eigenen individuellen Betrieb zu gründen? Könnte damit nicht auch zwei, drei oder mehr Leuten geholfen werden, ein gemeinsames Unternehmen zu gründen oder zu führen? Dies ist an sich keine Debatte, sondern wird ziemlich systematisch von vornherein ausgeschlossen, in Europa wie auch woanders, womöglich aus der Dominanz der Vorstellung, die man vom Grameen "Modell" hat, das eher als individuell ausgerichtet gesehen wird. Es müssten andere Sicherungsmechanismen entwickelt werden, neue Arbeitsmethoden, jedoch krankt es hier am Mangel an Auseinandersetzung. Es könnte jedoch auch anders sein: in der oben schon erwähnten Studie von der INAISE aus 1997, gab es nämlich eine spezifische Kategorie von Krediten, die in einem leicht höheren Segment (bei etwa 15.000€ anfangend) angesiedelt war und nur Gruppenprojekte, meist soziale und selbstverwaltete Unternehmen finanzierte. Das interessante war, dass der durchschnittliche Kredit pro geschaffenen Arbeitsplatz ungefähr genauso hoch war wie bei den Microlendern, in einigen Fällen sogar etwas tiefer (bei etwa 1200€) als bei den kleinsten Mikrokrediten (1300€). Und die Rückzahlungsquoten waren sogar höher.

Ein anderes Thema betrifft die Kredit Methodologie, die in der dritten Welt sehr oft auf einer Gruppen-Methodologie beruht, in denen die Mitglieder füreinander einstehen müssen für die Rückzahlung des Kredits. In Europa ging man bisher eher davon aus, dass wir hier zu individualistisch sind, um solch eine Kreditmethodik durchzusetzen (man hört übrigens diesen Einwand auch in den meisten Ländern der dritten Welt - selbst, anfangs, in Bangladesh). Inzwischen haben uns norwegische Frauen (Kvynnebanken) und mehr noch die Programme in Ost-Europa gezeigt, dass dies nicht stimmt, dass auch in unseren Regionen die Möglichkeit besteht solche Kredit-Gruppen zu bilden, mit gutem Erfolg.

5. ohne Garantien...

In dem Grameen Beispiel geht es um eine Methode, mit der den Ärmsten geholfen werden kann, die den Banken keine Garantien stellen können. Daraus hat sich in Europa eine fast dogmatische Haltung entwickelt, aus Prinzip auf materiellen Garantien zu verzichten. Es wird dabei vergessen, dass die Gruppen-Methodik nur deshalb entwickelt wurde, um diesen Mangel auszugleichen, dass es sich aber dabei nicht desto weniger um eine Garantie handelt, auch wenn sie auf einer sozialen Form beruht. Etwas lächerlich wird es, wenn europäische Strukturen dieses nicht heranziehen von materiellen Garantien als Beweis sehen, dass sie tatsächlich mit ärmeren Teilen der Bevölkerung arbeiten, wobei sie von vornherein überhaupt nicht nach Garantien gefragt haben.

6. zur Gründung...

Die große Mehrheit der Mikro-Finanz Strukturen konzentriert sich hauptsächlich darauf ,die Gründung von Unternehmen ab dem Tag eins ihrer Existenz zu finanzieren. Dies erklärt sich zum größten Teil daraus, dass diese Strukturen sich aus öffentlichen Budgets finanzieren können, die für Arbeitslose bestimmt sind. Dies heißt, dass sie sich nur darauf beschränken müssen, diese Zielgruppe zu finanzieren, und dies nur mit einem einzigen Kredit - denn danach sind diese Leute ja nicht mehr arbeitslos, gehören also nicht mehr zur Zielgruppe. Es entsteht daraus (paradoxerweise) der Druck, direkt einen größeren Betrag zu verleihen, damit das Projekt finanziell gut gewappnet ist, was aber dem Prinzip eines risikoarmen Kleinstkredit zuwiderläuft (steplending).

Ein großer Bedarf für Kleinstkredite besteht durchaus bei schon existierenden Kleinstbetrieben, welche in der dritten Welt übrigens das Gros des Mikrokredit Klientels darstellt. In (West-)Europa wird dieses Segment, von einigen Ausnahmen abgesehen (Street-UK in England z.B.), völlig unbeachtet.

7. eines Unternehmens?

Das eben erwähnte Problem - die Beschränkung auf Finanzierungen von Gründungen allein - knüpft zum großem Teil auch an einer sehr beschränkten Vision an, was denn überhaupt ein Unternehmen ist, und, mehr noch, wie solche zum Erstehen kommen. Hier zeigt sich, wie sehr unsere Denk- und Vorgehensweise durch unsere "Business-School" Modelle beeinträchtigt wurde. Ein Unternehmen wird da als Resultat einer gut vorbereiteten Planung dargestellt, mit voran gehender Marktforschung, gutem Business Plan, Liquiditätsplan usw. Dies sind Modelle, die nur bei den wenigsten (meist wachstumsorientierten) Betrieben ihren Sinn haben - aber auch da zeigt sich die Realität anders als anfangs geplant. Es spricht nichts gegen diese Vorgehensweise, falls sie funktioniert und die Anfangsbedingungen dafür da sind. Tatsächlich gründet sich jedoch die große Mehrheit der Kleinstbetriebe eher "organisch", tastend vorangehend, mit einer Marktforschung als erste Testläufe am Markt, mit risikoarmen ersten Kleinstfinanzierungen - also entsprechend dem Prinzip des Mikrokredites. Nur wenn der erste Schritt Erfolg zeigt, geht man mit einer weiteren, vielleicht größeren Finanzierung, weiter. Ob Microsoft oder andere Megabetriebe der gleichen Art - die meisten haben in einer solchen "trial and error" Weise angefangen, mit einer entsprechenden flexiblen Finanzierung.

Dies mag anfangs nicht immer wie ein Unternehmen aussehen, sondern nur wie eine Neben-Aktivität eines Tüftlers, wie der Nebenverdienst einer Familie, der ersten "Versuch" eines Arbeitslosen, der nur mal sehen will, ob das denn auch klappt, bevor man's ganz seriös macht. Selbst Leute mit den besten Bankgarantien, wie z.B. Hauseigentümer, ziehen eine solche vorsichtige Vorgehensweise vor, und würden nie ihr kostbarstes Eigentum aufs Spiel setzen für eine Idee, deren sie selbst noch nicht sicher sind. Warum sollte dies für weniger (Bank-)bemittelte anders sein?

Unsere Vision dessen was ein Unternehmen ist, und mehr noch, wie es zu Stande kommt, ist heute extrem verarmt. Vielleicht wird uns das Microlending dabei helfen, unsere Perspektive wieder zu öffnen.

Anmerkungen:

[1] E-Mail cguene@sofi.be 

[2] "Small loans for poor people without collateral to finance income generating activities" ... wie es üblicherweise auf Englisch ausgedrückt wird. 

[3] Es sind hier tatsächlich 100€ gemeint, und nicht etwa 100.000€ ! 

[4] "Financial Instruments of the Social Economy (FISE) and their impact on job creation in Europe", INAISE (1997). Runterladbar von der INAISE Web-Seite: www.inaise.org 

[5] Im Falle der EU handelt es sich um Summen, die nicht höher als 10.000€ sein dürfen. 

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