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Gründer sollen vom "Jahr des Mikrokredites" profitieren
(Süddeutsche Zeitung, 7. Dezember 2004)
Stuttgart Existenzgründer in Deutschland müssen oft kämpfen, um bei Banken sehr kleine Darlehen zu bekommen. Während Spezialinstitute nun in die vermeintliche Marktlücke stoßen wollen, befürchten Kritiker schon, dass die Geldhäuser das mühsame Geschäft mit den Kleingewerbetreibenden bald ganz aufgeben.
Neuer Finanzierungsfonds wird aufgelegt / GLS Gemeinschaftsbank stark engagiert / Experten warnen vor hochgesteckten Erwartungen
Von Thomas Hammer
Die UNO hat das kommende Jahr zum "Jahr des Mikrokredites" ausgerufen, und so findet diese Finanzierungsform immer mehr Aufmerksamkeit. Dabei geht es um kleine Darlehen oft weit weniger als 5000 Euro mit denen Existenzgründern der Schritt in die Selbstständigkeit ermöglicht wird. Vor allem in den Entwicklungs- und Schwellenländern brummt dank millionenschwerer Unterstützung von Weltbank und Bankkonzernen der Markt für Mini-Starthilfen. Auch die deutschen Bankkonzerne mischen eifrig mit: Die Deutsche Bank unterstützt mit ihrem millionenschweren Microcredit-Fonds Existenzgründungen in Regionen mit großer Armut, die Commerzbank ist ein wichtiger Anbieter im osteuropäischen Kleinkreditgeschäft für Existenzgründer. Die staatliche Förderbank KfW gab erst vor wenigen Tagen bekannt: "Mit einem Fördervolumen von rund 400 Millionen Euro ist die KfW einer der führenden Akteure im Kleinstkreditgeschäft mit Armen."
Der Blick auf das Inlandsgeschäft liefert dagegen bislang ernüchternde Ergebnisse. So können oft gerade diejenigen, die am nötigsten auf kleine Darlehen angewiesen sind, vom Bankkredit bei der Existenzgründung nur träumen: Kleingründer mit wenig Eigenkapital und Kreditbedarf, die den Schritt in die Selbstständigkeit womöglich noch aus der Arbeitslosigkeit heraus wagen. "Diese Gruppe hat kaum Zugang zu Banken", bestätigt Falk Zientz, Geschäftsführer beim Deutschen Mikrofinanz Institut (DMI) in Bochum. Auch das Mikro-Darlehen der KfW, ein günstiger Kredit speziell für Gründer kleiner Unternehmen, ist nicht unbedingt ein Verkaufsschlager: In den ersten neun Monaten dieses Jahres lag das Volumen neuer KfW-Mikro-Darlehen bei 19 Millionen Euro.
Obwohl beim KfW-Kleinkredit die Hausbank wegen der 80-prozentigen Haftungsübernahme der KfW nur ein minimales Ausfallrisiko hat, wird diese Finanzierungsvariante offenbar kaum angeboten. Direkt bei der KfW können Gründer den Kreditantrag nicht stellen, da die staatliche Förderbank ihre Kredite ausschließlich über Banken und Sparkassen betreibt. Eine Direktbank für Förderkredite gibt es nicht. Um Gründern den Zugang zum Kleinkredit zu erleichtern, will das DMI ab Anfang nächsten Jahres ein eigenes Kreditprogramm anbieten. Dreh- und Angelpunkt sollen dabei die regionalen und lokalen Beratungsstellen für Existenzgründer sein. "Dort findet die Beratung statt, und dort fällt auch die Entscheidung über die Kreditvergabe", begründet Zientz die Ausrichtung.
Fondsfinanzierte Mittel
Abgewickelt werden die Kredite über die dem DMI nahe stehende GLS Gemeinschaftsbank in Bochum, eine genossenschaftliche Bank mit dem Schwerpunkt auf ethische und ökologische Geschäfte. Allerdings finanziert die Bank selbst nur einen kleinen Teil der ausgegebenen Kredite. Das Kapital stammt aus einem Fonds, an dem sich private und institutionelle Anleger beteiligen. Mit zunächst 500 Finanzierungen im Jahr 2005 wollen die Initiatoren anhand von Praxiserfahrungen erfolgsträchtige Beratungs- und Kreditprüfungsmodelle herausfiltern.
Professor Udo Reifner vom bankenunabhängigen Institut für Finanzdienstleistungen (IFF) in Hamburg steht solchen Projekten allerdings eher skeptisch gegenüber. "Mikrokredite lösen häufiger Darstellungsprobleme des Staates, der Geschäftsbanken und mancher Sozialarbeiter als die Probleme der Betroffenen", warnt der Finanzexperte. Der Staat erwecke den Anschein, mit Förderprogrammen tatkräftige Gründungshilfe zu leisten. Die Geschäftsbanken seien froh, die ungeliebten Kleingründer an Mikrokreditgeber loszuwerden. Die Sozialarbeiter hätten die Gelegenheit, ihre Arbeitsplätze durch die Betreuung von Existenzgründern zu sichern. Wer von einer Bank als Kreditkunde abgelehnt werde, habe trotz alternativer Kreditquelle wenig Überlebenschancen am Markt. "Wenn die persönlichen und fachlichen Voraussetzungen nicht gegeben sind, scheitern Existenzgründer auch bei einer Mikrokreditfinanzierung", so Reifner.
Er weist darauf hin, dass auch bei geringem Kapitalbedarf die Geldbeschaffung meist funktioniert. "Rund 95 Prozent der Existenzgründer mit geringem Kreditbedarf besorgen sich das Geld über Konsumenten- oder Privatkredite." Die Zahlen des aktuellen KfW-Gründungsmonitors sprechen ebenfalls dafür, dass auch viele Kleingründer Fremdkapital finden: Von den Gründern mit einem Kreditbedarf unter 25 000 Euro hatten 77 Prozent keine Schwierigkeiten bei der Suche nach einem Geldgeber.
Um die restlichen 23 Prozent immerhin gut 90 000 Existenzgründer pro Jahr wollen sich Mikrokredit-Anbieter wie das DMI gezielt kümmern. Weil es für diese Gruppe ohnehin keine Aussicht auf Bankkredite gebe, wolle man mit der Starthilfe die Gründer sozusagen "bankfähig" machen, erläutert Zientz: "Die Selbstständigen haben dann die Möglichkeit, durch die regelmäßige und pünktliche Zurückzahlung ihre Bonitätseinstufung bei der Bank zu verbessern."
Banken mit ins Boot holen
Der DMI-Geschäftsführer betont, dass trotz der Konzentration auf benachteiligte Gründer nur aussichtsreiche Konzepte finanziert werden sollen. In den Gründungsberatungen wird das Geschäftsmodell geprüft, ein Vergabekomittee soll vor Ort über den Kredit entscheiden. Allzu großzügige Kreditverteilung nach dem Gießkannenprinzip will Zietz über finanzielle Anreize für die Gründerberatungen bei störungsfreier Rückzahlung und Sanktionen bis hin zum Akkreditierungsentzug bei zu hohen Ausfällen vermeiden.
Gleichwohl sieht Reifner die Gefahr, dass die Kleinkreditvergabe über Gründungsberatungen der Bankenbranche den willkommenen Anlass bietet, sich vom kleinen Gewerbekunden völlig zu verabschieden. Zeitz betont dagegen, dass der Mikrokredit eine Vorstufe zu späteren regulären Bankkrediten sei und die Kooperation mit Banken auch in finanzieller Hinsicht angestrebt werde: "Beteiligungen von Banken an unserem Fonds sind hochwillkommen."
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